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Roadtrip Ost – Auf der B96 von Zittau nach Sassnitz (Teil 1)

Projekt: Roadtrip Ost

 

Roadtrip Ost – Auf der B 96 von Zittau nach Sassnitz

„Route 66 des Ostens“ oder „Straße der Freiheit“, die legendäre Fernstraße trägt viele Spitznamen. Die B 96 ist mit über 500 Kilometern die längste Bundesstraße im Osten Deutschlands. Sie beginnt im südöstlichsten Winkel Ostdeutschlands und schlängelt sich von Zittau über Bautzen, Hoyerswerda und Finsterwalde nach Norden Richtung Berlin. Im weiteren Verlauf eröffnen sich – bedingt durch die ehemalige Teilung – zwei Möglichkeiten Berlin zu durchqueren: Die Strecke führt entweder über die B 96 durch Mariendorf, Kreuzberg und Wedding oder über die B 96a durch Adlershof, Friedrichshain und Pankow. Nördlich von Berlin vereinigt sich die Streckenführung in Birkenwerder und führt über Oranienburg, Neubrandenburg und Stralsund bis nach Sassnitz auf der Insel Rügen.

Ich hatte die B 96 bislang vor allem als das genutzt, was sie ist: Eine Straße um im Alltag zügig von A nach B zu kommen, zumeist mit dem Auto. So wie es tagtäglich Tausende tun. Dennoch musste es mit dieser Bundesstraße etwas Besonderes auf sich haben. Sie wurde besungen, war Gegenstand zahlreicher Reportagen und Reiseberichte und reizte auch immer wieder Menschen zu besonderen Aktionen. Erst im letzten Sommer hatten sich wieder sieben Unerschrockene aus der Oberlausitz mit einem Oldtimer, ein Barkas Baujahr 1989, auf den Weg nach Norden gemacht. Vermutlich gründet der Mythos von Freiheit vor allem auf Geschichten, die Generationen von Ostdeutschen in der Vergangenheit erlebt hatten. Früher – so wurde mir berichtet – war die B 96 (F 96) „die einzige Ausfallstraße, die aus Zittau herausführte“. Urlauber machten sich in und auf allem was Räder hat auf den Weg, den Sommerurlaub am Ostseestrand vor Augen. Ein Hauch Abenteuer schwingt also immer mit.

B 96 im Sommer

Das Projekt

Eines der Bücher über die B 96 hatte auch mich inspiriert. Ich wollte mir ein eigenes Bild machen. Erste Überlegungen, die Strecke komplett mit dem Rad zu absolvieren, habe ich nach längerer Planung verworfen. Radwege entlang der Bundesstraße waren kaum vorhanden und ich wollte die Tour nicht im Krankenhaus beenden. Also machte ich mich mit dem Auto auf den Weg. Mein Fahrrad hatte ich trotzdem dabei. Unterwegs lag es im Kofferraum und in den Städten erkundigte damit die Gegend. Ausgestattet mit Fotoapparat und Skizzenblock wollte ich die Orte entlang der Route portraitieren. Mein Ziel: Ich wollte die Ansichten von Städten zeigen, die in Geschichte und Gegenwart sehr unterschiedliche Entwicklungen genommen haben. Aus den einzelnen Arbeiten sollte eine Gesamtschau entstehen. Diese sollte die Unterschiede zwischen Stadt und Land, die Gegensätze zwischen Gestern und Heute und die Veränderung der Landschaft im Verlauf der Strecke zeigen.

Den südlichen Teil der Strecke von Zittau nach Berlin habe ich im Sommer 2020 absolviert und dabei bereits viele Bildideen eingesammelt. Die pandemiebedingten Reisebeschränkungen haben mich dann im Herbst etwas eingebremst. Im Spätsommer 2021 werde ich auf dem nördlichen Teil der Strecke (Berlin – Sassnitz) unterwegs sein .

Die Stationen

Zittau

Zittau

Mein Roadtrip auf der B 96 begann in Zittau. Über Zittau ist auch in den überregionalen Medien schon viel geschrieben worden. Im Jahr 2020 mit seiner alles bestimmenden Corona-Pandemie berichteten die überregionalen Medien im Sommer und Herbst über die Wutbürger an der B 96 zwischen Bautzen und Zittau. Immer wieder sonntags protestierten Corona-Leugner, Anhänger von Verschwörungstheorien, Rechtsextreme und andere gegen die Corona-Maßnahmen der Bundes- und Landesregierung. In den Wintermonaten folgten dann eher traurige Nachrichten von vielen Corona-Toten und überfüllten Krematorien.

Mein Blick auf Zittau ist positiv gefärbt. Zittau ist für mich zu allererst meine Geburtsstadt. Viele persönliche Erinnerungen mischen sich Erlebnissen aus zahlreichen Besuchen: Zittau als Ort der Kultur, als Ausgangspunkt für Wanderungen und Radtouren ins Gebirge, als Austragungsort vieler Sportveranstaltungen, als Wintermärchen in der Vorweihnachtszeit oder als Ort durchzechter Kneipennächte.

Die Bausubstanz der historischen Altstadt zeugt vom Wohlstand vergangener Tage. Gerade an warmen Sommerabenden kommt zwischen all den prunkvollen Villen, Brunnen und Türmen fast schon italienisches Flair auf. Gleichzeitig droht an vielen Stellen in der Stadt auch der Verfall, weil es an Investoren fehlt. In der jüngeren Vergangenheit hatte Zittau eher Schwierigkeiten, den passenden Platz zu finden. Das Schicksal der Abwanderung von überwiegend jungen gut ausgebildeten Menschen teilte Zittau über viele Jahre mit anderen Regionen Ostdeutschlands. Die Lage war wohl Fluch und Segen zugleich: Endet der Blick an Deutschlands Grenzen, liegt Zittau eher provinziell und fernab der industriellen Leuchttürme Sachsens. Bis zum nächsten Autobahnanschluss braucht man eine gute dreiviertel Stunde. In heutigen Maßstäben eine gefühlte Ewigkeit. Ist der Blick hingegen offener, ergeben sich ganz andere Chancen, denn dann liegt Zittau im Dreiländereck zwischen Deutschland, Polen und Tschechien und damit mitten in Europa.

Bautzen

Bautzen

Bautzen kannte ich bis zu meiner Tour nur von der Durchreise, ein Besuch war also mehr als überfällig. Stellt man etwa im Berliner Raum die Frage, was die Leute mit Bautzen assoziieren, kommen immer wieder gleichlautende Antworten: Senf, Sorben, Stasi-Knast und eine schöne Altstadt.

Die Delikatesse für „Würstchenliebhabende“ steht auch überregional in fast jedem Supermarkt. Daher firmiert Bautzen auch gern als „mittelscharfes Zentrum der Oberlausitz“.

Durchschreitet man die Altstadt von Bautzen erwartet einen ein beachtliches mittelalterliches Ensemble aus Türmen und Wehranlagen in traumhafter Lage oberhalb der Spree. Insgesamt war es während meines Besuchs eher ruhig, was vermutlich auch mit der Corona-Pandemie zu tun hatte.

Bautzen die traurige Schönheit

Zum Pflichtprogramm gehörte für mich auch ein Besuch der Gedenkstätte im ehemaligen „Stasi-Gefängnis“. Zu diesem Themenbereich hatte ich zwar schon einiges gelesen. Den Ort des Geschehens zu besuchen, entfaltet dann aber eine deutlich intensivere Wirkung. Ich empfehle dafür eine der sehr gut gemachten Führungen.

Gleich mit zwei Gefängnissen gelangte Bautzen zu trauriger Berühmtheit. Ein ehemaliger Insasse von Bautzen II beschrieb Bautzen deshalb einmal sehr treffend  „als traurige Schönheit“.

Bautzen I wurde 1904 am Stadtrand eröffnet und im Volksmund wegen seiner gelben Klinkerfassade „Gelbes Elend“ genannt. Im März 1950 führten die schlechten Haftbedingungen zu einem Aufstand der Gefangenen, welcher brutal niedergeschlagen wurde.

Bautzen II wurde 1906 als Gerichtsgefängnis eröffnet. Es liegt inmitten eines eher vornehmen Villenviertels auf der Rückseite des Amtsgerichtes. Das „Stasi-Gefängnis“ unterstand als Sonderhaftanstalt seit 1965 inoffiziell dem Ministerium für Staatssicherheit. Bis 1989 wurden dort etwa 2.400 Menschen eingewiesen, überwiegend aus politischen Gründen. Vor dem Hintergrund der Geschichte und dem Bemühen des DDR-Regimes, Bautzen II weitestgehend von der Öffentlichkeit abzuschirmen, wirkt die Lage des Gefängnisses eher befremdlich.

Trotz dieser eher schweren Kost, bleibt ein postiver Eindruck. Bautzen ist eine Reise wert und hat bei weitem noch mehr zu bieten.

Hoyerswerda

Hoyerswerda

Die B 96 verläuft im Stadtgebiet von Hoyerswerda teilweise parallel zum Schwarze-Elster-Kanal, welcher Hoyerswerda in Alt- und Neustadt teilt.

Hoyerswerda erlebte seit den 1950er Jahren einen enormen Bevölkerungszuwachs. Als Wohnstadt für Arbeiter des Braunkohleveredlungswerks Schwarze Pumpe verzehnfachte die ehemalige Kleinstadt ihre Einwohnerzahl bis in die 1980er Jahre auf 71.000. Die Mehrzahl der Menschen lebte in der Neustadt, die eigenständig östlich der Altstadt in zehn Wohnkomplexen errichtet wurde. Die Neustadt gilt als Musterbeispiel des DDR-Städtebaus, die frühen Wohnkomplexe sind deshalb baukulturell bedeutend.

Ab Ende der 1980er führten Abwanderungsbewegung und Geburtendefizit zu einem massiven Bevölkerungsverlust. Zuletzt lag die Zahl der Einwohner bei etwa 32.000. Dies führte zu enormen Wohnungsleerstand, dem die Stadt mit Teilrückbau und Abriss von Plattenbauten begegnete. Entstanden sind große Freiräume mit viel Platz mitten in der Stadt.

Zu Fuß ist man in der unendlichen Weite der Neustadt ewig unterwegs. Ich habe für meine Erkundungen deshalb das Fahrrad genommen. Ich war an einem heißen Sommertag in Hoyerswerda unterwegs. Zugleich fegte ein heftiger Wind durch die großen Freiflächen. Mit geschlossenen Augen hätte man auf die Idee kommen können, man wäre an der Küste. Allerdings fehlte dafür die passende Geräuschkulisse aus Möwengeschrei und Meeresrauschen. Stattdessen: Stille. Für eine Stadt präsentierte sich Hoyerswerda außergewöhnlich leise.

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